«An guten Tagen schaffe ich in zwei Stunden mehr als andere an einem ganzen Tag. An schlechten bringe ich nicht einmal eine E-Mail zustande.» Solche Sätze höre ich in meinen Coachings immer wieder. Oft folgt darauf die Frage, was mit einem nicht stimmt. Ich antworte dann gerne mit einer Gegenfrage: Was war an den guten Tagen anders?
Viele Menschen mit AD(H)S erleben ihre Leistung wie ein Glücksspiel. Mal läuft es, mal nicht, und keiner weiss genau, warum. Dabei steckt hinter den guten Tagen selten Zufall. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Wie ein Schuh, der nicht passt
Stell dir vor, du gehst jeden Tag in Schuhen zur Arbeit, die eine Nummer zu klein sind. Du kommst trotzdem an und erledigst deine Aufgaben. Am Abend tun dir aber die Füsse weh, und du fragst dich, warum dich der Weg so viel mehr Kraft kostet als die anderen.
So ähnlich geht es vielen im Job. Sie arbeiten in einem Umfeld, das für eine andere Art von Kopf eingerichtet wurde, mit Grossraumbüro und Sitzungen, die kein Ende nehmen. Die gute Nachricht: Schuhe kann man wechseln. Oft reicht schon eine halbe Nummer. Deine Ansprüche an dich musst du dafür nicht herunterschrauben. Es geht darum, dass deine Fähigkeiten überhaupt zum Zug kommen.
Was deinen Kopf in Gang bringt
Bei vielen Menschen mit AD(H)S springt die Konzentration weniger auf Wichtigkeit an als auf Reiz. Fachleute sprechen manchmal von einem interessengesteuerten Nervensystem. Im Alltag zeigt sich das ganz konkret: Eine Aufgabe, die dich packt, erledigst du fast nebenbei. Eine Aufgabe, die bloss wichtig ist, bleibt liegen, obwohl du genau weisst, dass sie gemacht werden muss.
Was den Kopf anwirft, ist bei allen etwas anders. Manche brauchen etwas Neues, an dem sie tüfteln können. Andere kommen erst in Fahrt, wenn die Zeit knapp wird oder jemand auf das Ergebnis wartet. Wenn du deine eigenen Auslöser kennst, kannst du sie gezielt einsetzen und musst nicht auf den richtigen Moment hoffen.
Schau eine Woche lang genau hin
Eine Übung, die ich gerne mitgebe: Nimm dir eine Woche lang jeden Abend fünf Minuten Zeit und notiere, wann es heute gut lief und wann es zäh war. Ohne zu bewerten, einfach festhalten. Diese Fragen helfen dabei:
- Wo war ich, als es gut lief? Zuhause oder im Büro?
- Zu welcher Tageszeit hatte ich den klarsten Kopf?
- War ich allein, oder waren andere Menschen in der Nähe?
- Was für eine Aufgabe war es, und was hat mich daran gereizt?
Nach ein paar Tagen zeigen sich meist erste Muster. Manche merken zum Beispiel, dass sie am Küchentisch mit leiser Musik besser schreiben als im stillen Büro. Solche Entdeckungen sind wertvoll, weil sie dir zeigen, wo du ansetzen kannst.
Kleine Veränderungen mit grosser Wirkung
Oft braucht es keine grosse Umstellung. Ein paar Beispiele aus meinen Coachings:
- Geräusche steuern: Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung oder leise Hintergrundmusik helfen vielen, im Grossraumbüro bei sich zu bleiben.
- Bewegung erlauben: Wer beim Denken gerne aufsteht, arbeitet am Stehtisch oder telefoniert beim Gehen.
- Nicht allein arbeiten: Manche kommen leichter in die Gänge, wenn jemand anderes im selben Raum arbeitet. Man nennt das «Body Doubling», und es funktioniert sogar per Videocall.
- Feste Fokuszeiten: Zwei Stunden am Vormittag ohne Mails und Sitzungen bringen oft mehr als ein ganzer zerstückelter Tag.
Und wenn dein Kopf erst am späteren Vormittag richtig wach ist, lohnt sich auch ein Gespräch über flexiblere Arbeitszeiten.
Ist das nicht eine Extrawurst?
Diese Frage höre ich oft. Viele trauen sich nicht, um etwas zu bitten, weil sie nicht als kompliziert gelten wollen. Dabei arbeitet niemand unter neutralen Bedingungen. Die Kollegin, die jeden Morgen um sieben im Büro sitzt, weil sie dann Ruhe hat, hat sich ihre Bedingungen auch eingerichtet. Sie nennt es einfach nicht so.
Für ein Gespräch mit deiner Führungsperson musst du auch keine Diagnose offenlegen. Es reicht, wenn du beschreibst, wann du deine beste Arbeit machst. Zum Beispiel: «Ich habe gemerkt, dass ich Konzepte am besten am Vormittag schreibe, wenn ich nicht unterbrochen werde. Können wir meine Sitzungen auf den Nachmittag legen?» Damit sprichst du über Ergebnisse, und davon hat auch dein Arbeitgeber etwas.
Was heute hilft, darf sich ändern
Was im Frühling funktioniert hat, passt im Herbst vielleicht nicht mehr. Ein neues Team oder eine anstrengende Phase zuhause verändern, was du brauchst. Das ist kein Rückschritt. Du stellst deine Arbeitsbedingungen einfach immer wieder neu ein, so wie den Autositz, wenn jemand anderes gefahren ist. Wird es plötzlich wieder zäh, hilft ein Blick in deine Notizen von damals.
Dein nächster Schritt
Möchtest du herausfinden, wie gut dein jetziger Job zu deiner Art zu arbeiten passt? Dann ist der kostenlose Job-Fit-Check ein guter Anfang. Im Workbook Dein Arbeitsprofil gehst du einen Schritt weiter und hältst fest, unter welchen Bedingungen du am besten arbeitest. Und wenn du ein Gespräch mit deiner Führungsperson vorbereiten möchtest, findest du im Premium-Paket eine passende Vorlage im AD(H)S-Werkzeugkasten.
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine fachliche Abklärung oder Beratung.
