«Wann ist es eigentlich gut genug?» Diese Frage taucht in meinen Coachings früher oder später fast immer auf. Oft stellen sie Menschen, die viel leisten und trotzdem das Gefühl haben, hinterherzuhinken. Sie vergleichen sich mit Kolleginnen und Kollegen, bei denen alles so leicht aussieht, und kommen dabei jedes Mal schlecht weg.

Ich finde, es lohnt sich, die Frage etwas anders zu stellen: Nach welchem Massstab misst du dich überhaupt?

Ein Massstab, der nicht für dich gemacht wurde

Viele Menschen mit AD(H)S haben früh gelernt, dass sie im Job dann gut sind, wenn niemand etwas merkt. Wer pünktlich ist und in Sitzungen ruhig sitzen bleibt, gilt als zuverlässig. Also wird es zum Ziel, möglichst unauffällig zu funktionieren. Das gelingt oft erstaunlich gut. Was es kostet, zeigt sich meist erst am Abend oder nach einigen Jahren, wenn die Energie aufgebraucht ist.

Dieser Massstab stammt aus einer Arbeitswelt, die auf einen bestimmten Arbeitsstil ausgerichtet ist. Wer anders tickt, kann ihn zwar erfüllen, braucht dafür aber deutlich mehr Kraft. Für mich beginnt Erfolg dort, wo du aufhörst, dich ausschliesslich daran zu messen.

Stärken ohne Glanzpapier

Rund um AD(H)S ist oft von einer Superkraft die Rede. Gemeint sind Kreativität, schnelles Denken und der berühmte Hyperfokus. Das klingt schön. Wer gerade eine Frist verpasst hat, kann mit diesem Wort allerdings wenig anfangen.

Ich finde einen nüchternen Blick hilfreicher. Viele meiner Klienten erfassen Zusammenhänge blitzschnell und finden Lösungen, auf die andere nicht kommen. Im Hyperfokus entstehen manchmal in kurzer Zeit erstaunliche Ergebnisse. Auf Knopfdruck lässt sich dieser Zustand aber nicht abrufen, und danach ist der Akku oft leer. Es hilft, solche Phasen zu nutzen, wenn sie da sind, ohne deinen ganzen Arbeitsalltag darauf aufzubauen.

Gegenwind zählt auch

Stell dir zwei Velofahrer vor, die gleichzeitig am Ziel ankommen. Der eine hatte die ganze Strecke Rückenwind, der andere fuhr gegen den Wind. Von aussen sieht das Ergebnis gleich aus. Wer von beiden mehr geleistet hat, ist trotzdem klar.

Im Job mit AD(H)S ist es oft ähnlich. Bevor du überhaupt mit einer Aufgabe anfangen kannst, musst du vielleicht Geräusche ausblenden und deine Gedanken ordnen. Diese Arbeit sieht niemand, und sie kostet jeden Tag Kraft. Wenn du am Abend dasselbe geschafft hast wie dein Kollege, darfst du ruhig anerkennen, dass dein Weg dorthin länger war. Darin steckt eine Menge Ausdauer, auf die du stolz sein kannst.

Erfolg darf anders aussehen

Für manche bedeutet Erfolg die nächste Stufe auf der Karriereleiter. Für andere ist es eine Stelle, in der ihre Neugier gefragt ist und ihr Tempo geschätzt wird. Ich erlebe immer wieder, wie Menschen aufblühen, wenn sie zum Beispiel eine Stelle mit abwechslungsreichen Projekten finden oder flexiblere Arbeitszeiten aushandeln. Auf dem Papier ist das vielleicht kein Aufstieg. Im Alltag fühlt es sich aber endlich stimmig an.

Solche Entscheidungen brauchen Mut, weil sie nicht immer den Erwartungen entsprechen. Das Umfeld oder die eigene Vorstellung davon, was man in einem bestimmten Alter «erreicht haben sollte», reden gerne mit. Ein Arbeitsleben, das sich nicht mehr wie ein Dauerlauf anfühlt, ist diesen Mut wert.

Wenn etwas schiefgeht

Zu einem ehrlichen Blick auf Erfolg gehört auch der Umgang mit Fehlern. Mit AD(H)S wird es immer wieder Momente geben, in denen etwas untergeht. Eine Mail bleibt liegen, ein Detail rutscht durch. Ganz verhindern lässt sich das kaum. Beeinflussen kannst du aber, wie du danach mit dir umgehst.

Eine Frage, die ich gerne stelle: Wie würdest du reagieren, wenn einer geschätzten Kollegin dasselbe passiert wäre? Wahrscheinlich würdest du kurz schauen, was jetzt zu tun ist, und ihr helfen, es beim nächsten Mal anders anzugehen. Diese Haltung darfst du auch dir selbst gegenüber einnehmen. Das spart viel Energie, die sonst ins Grübeln fliesst.

Finde deinen eigenen Massstab

Nimm dir einen ruhigen Moment und beantworte für dich diese Fragen:

  • Wann hatte ich zuletzt das Gefühl, im Job richtig gut zu sein?
  • Was hat mir in dieser Situation geholfen?
  • Welche Unterstützung würde meinen Alltag leichter machen, zum Beispiel klare schriftliche Absprachen oder kurze Bewegungspausen?
  • Woran würde ich in einem Jahr merken, dass ich auf einem guten Weg bin?

Die Antworten müssen nicht perfekt sein. Sie geben dir eine erste Richtung, die wirklich zu dir passt. Du musst dich nicht verbiegen, um gute Arbeit zu leisten. Wenn du Verantwortung für deine Ergebnisse übernimmst und dir gleichzeitig die Bedingungen holst, die du brauchst, bist du schon ein grosses Stück weiter.

Dein nächster Schritt

Mit dem kostenlosen Job-Fit-Check findest du heraus, wie gut dein jetziger Job zu deiner Art zu arbeiten passt. Und wenn du spürst, dass Erfolg für dich künftig anders aussehen soll, hilft dir das Workbook Job-Kompass, eine Richtung zu finden, die zu dir passt.

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine fachliche Abklärung oder Beratung.